letzte Worte zu Nepal
Obgleich hier in Nepal alles sehr viel ruhiger und entspannter verläuft, scheint mir die Zeit mal wieder nicht mehr von sich selbst gegeben zu haben. Im Dezember 2006 bin ich angekommen und die letzten vier Wochen sind nun angebrochen.
Beim Gedanken an die Rückreise empfinde ich wesentlich mehr kribblige Vorfreude, als ein trauriges Gefühl des Abschiednehmen müssens. Wie so oft im Leben entscheidet man sich für oder gegen etwas. Kulturen und die Menschen die sie gebildet haben, bzw. die im ständigen Wandel der Zeit aus ihnen hervorgegangen sind, können dem eigenen Wesen als zugeneigt oder abgeneigt betrachtet werden. Wäre ich selber ein Land -Türkei, Spanien, Brasilien und manchmal auch Deutschland lägen mir ganz gut – dann hätte ich Nepal in der Schule sicherlich des öfteren gehänselt und gepiesackt. Dieser sehr hübsche androgyne Junge mit seinen neureichen Eltern die ihrem Kind viel bieten könnten, jedoch aus Ignoranz nur Verdummendes darreichen. So wird aus dem Kleinen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein verzogenes, wiederkeuendes und nicht zur Reflexion fähiges Kind. Harte Worte. Jemand der schonmal in Nepal gelebt hat, ahnt vielleicht wovon ich rede.
Was gibt es schönes in Nepal? Die Menschen sind ohne Frage sehr freundlich, einen Besuch zu verlassen ohne nepali Milchtee getrunken zu haben, ist, ähnlich wie in Paraguay mit dem Tereré, fast unmöglich. Die Flora und Faune in Nepal ist unglaublich beeindruckend. Nepal bietet Berge, Flachland, Flüsse und Wälder und somit fast alles was sich Natur- und auch Sportliebhaber wünschen. Sogar dem Monsun mit seiner ständigen Feuchtigkeit und der Kraft alles in kürzester Zeit mit Moos bewachsen zu lassen, lässt sich etwas sympathisches abringen.
Wenn alles so toll ist, was nervt denn nun?
Ich habe die letzten sieben Monate immerhin das große Glück gehabt in Surkhet gewohnt zu haben. Rajbiraj im Südosten, wo ich letztes Jahr gelebt habe, war interessant, wäre mit Baby und wegen der Hitze jedoch zu unerträglich gewesen. Zudem war die mangelnde Privatsphäre dort sicherlich ein Minuspunkt. Es ist nichts außergewöhnliches gewesen, im Garten, der ummauert und abgeschlossen war, oder im Haus auf fremde Leute zu stoßen. Nach und nach haben wir den meisten das Anklopfen und Rufen angewöhnt. Das Starren ist jedoch eine unangenehme Eigenschaft der Inder, die nur schwer abzugewöhnen ist. In Kathmandu habe ich glücklicherweise auch nicht gewohnt. Verschmutzung, Stau, Streiks, nein danke.
Veränderungen müssten in Nepal einige vorgenommen werde. Als erstes das Schulsystem. Lernen heißt hier auswendig lernen, nicht unbedingt Verstehen und Forschen lernen. Das ist der Grund warum man in Kathmandu, im Westen oder Osten mit immer genau den gleichen Sätzen angesprochen wird: „Where are you from? What is your name? Where is your office?“
Unisono höre ich die Nachbarskinder im Youthhostel jeden Tag neue Sätze auswendig lernen. 20 Kinder blabbern, eines lauter als das andere, jeden Tag mantragleich Sätze hinunter.
Gefäß auf, Inhalt rein, Gefäß zu.
Nur so lassen sich höchstwahrscheinlich die schrecklichen Bollywoodfilme ertragen, die jeder hier nicht nur gerne sieht, ja sogar liebt; Tanzen, singen, tanzen, singen.
Frauen und Männer tanzen cool, erotisch, lasziv und singen sich nervig die Hucke zu.
Aber denkt ihr, irgendjemand hier würde selber tanzen. Es gibt hier keine Bar - bis auf eine Teebar – oder einen Laden wo man tanzen könnte. Alle schaufeln sich die Scheiße täglich rein, keiner ist jedoch fürs öffentliche Tanzen. Nur auf Festen wird getanzt und das manchmal sogar recht gut.
In Sachen Erziehung würden guten Eltern die Haare zu Berge stehen.
Da es keine Streit- und Diskussionskultur gibt, wird Erziehung im Konfliktfall natürlich nicht mittels Gespräch sondern durch Schläge vollzogen. Das ist ganz natürlich. Eltern schlagen Kinder, Lehrer schlagen Schüler, Trainer schlagen junge Sportler, große Kinder schlagen kleine. Im Falle eines Problems wird nicht überzeugend geredet, sondern überzeugend geschlagen.
Naja, Nepal ist schön und interessant, jedoch habe ich mich nicht in dieses Land verliebt und würde mir hier auch kein Haus bauen; knappe zwei Jahre reichen hin.
mehr 8beiner
Dachte mir, es ist wieder Zeit ne neue Spinne zu zeigen. Diese hier besetzt meine Wäscheleine. Schön bunt, beeindruckendes Netz.

an Tagen wie diesen
Der heutige Sonntag würde auch in Deutschland als klassisch melancholischer durchgehen. Der Monsun tut wieder das was er am besten kann, er schüttet Regen aus. Stetige, dicke Tropfen, so schwer, dass sie sich nicht länger in dem tief hängenden, grauen und mächtigen Teppich Gottes halten können. Surkhet erhält eine gründliche Vollspülung.
Was machen an einem solchem Tag? Es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit zu Hause zu bleiben, eine nette DVD auszuwählen und sie bei einem Drink und Kräutertüte zu genießen. Diese Möglichkeit gibt es wie gesagt nur eigentlich. Denn tatsächlich macht in meiner Situation der kleine Unterschied den großen Unterschied und somit mir einen Strich durch die Rechnung. Dieser nennt sich Maria. Befallen von Mund- und Windelsoor wird nun aus dem unbefangenen Junggesellen ein besorgter Vater. Aus einer verspielten Maus wird ein winziges heulendes Jammersäckchen.
Meine Suche nach einem Kinderarzt vor Ort war erschreckender weise erfolglos und so konnte mir nur inoffiziell ein Chirurg weiterhelfen. Unglaublich und ein Armutszeugnis für die Gesundheitsversorgung. Die Kleine scheint glücklicherweise wieder auf dem Weg der Besserung zu sein, obwohl das Fieber noch etwas bange macht.
Doku Vorschau
Solange meine Digi 8 noch nicht im Antiquitätenschrank verstauben muss, werde ich versuchen sie zu nutzen. Hier ein Vorspann einer kurzen Doku aus Nepal. Geredet wird allerdings noch nicht viel.
bis jetzt 18 Monate Zellbildung
9 Monate drinnen, 9 Monate draußen.
Hier ein Bild von Maria nach 5 Tagen
und eins nach 9 Monaten und 5 Tagen

