22. Februar - Bürokratie á la Kafka


Datenverwaltung Es ist interessant zu sehen, was einzelne, kleine aber doch sehr repräsentative Elemente sein können, die ein Entwicklungsland zu eben diesem machen.
Ich spreche jetzt nicht von Symptomen wie überall rumliegender Müll, Unmengen an Abgasen, zigfach ineinander verwundene Stromleitungen oder einfach ein allgemein (für meine Augen) vollkommen unstrukturiertes Stadtbild.
Ich habe heute das Maximum an Ineffizienz erlebt, dass ohne Übertreibung als realistische Ideeneingebung für die Bürokratiehandlungen in Kafkas Roman "das Schloss" hätte dienen können.
Es dreht sich um folgendes:
Ich möchte gerne meine spanische Freundin in Nepal heiraten. Hierfür muss sie eine aus dem spanischen ins englische übersetzte Ledigkeitsbestätigung vom span. Konsulat beglaubigen lassen. Um diesen Stempel zu bekommen, muss sie jedoch erst von der nepalesischen Regierung einen (oder mehrere) Stempel auf die Übersetzung bekommen.
Also sind wir heute mit der Übersetzung zum "Law Books Management Board" gegangen um diese/n Stempel zu erhalten. Es war alles vollkommen überfüllt und überall standen an den Hauswänden entlang wartende Menschenschlangen, die darauf hofften, an kleinen vergitterten Fenstern ihre Bitten und Wünsche erfüllt zu bekommen. Das wollten auch wir. Also gingen wir in Gebäude A um zu erfahren wo wir unseren Stempel bekommen können. Die Antwort war natürlich Gebäude B. In Gebäude B wurde uns an der Information gesagt, wir müssen in Raum 9. In Raum 9 sagte man uns wir brauchen ein Antragsformular, welches wir in Raum 1 bekommen. 5 Rupiah für ein Antragformular aus Raum 1 und schnell zurück zu Raum 9. Neue Info aus Raum 9, wir brauchen eine Kopie der Übersetzung aber ohne die Kopf- und Fußzeile des Übersetzers. Also sind wir schnell los und habe eine Kopie ohne Kopf- und Fußzeile gemacht. Dann schnell zurück zu Raum 9. Raum 9 schickte uns in Raum 4 um die Rechnung zu bezahlen.
Kletterwand in Katmandu Raum 4 wundert sich, das Kopf- und Fußzeile auf der Kopie fehlen. Also noch mal los um neue Kopie mit Kopf- und Fußzeile zu machen. Zurück zu Raum 4 und dann aber mit bezahlter Rechnung wieder zu Raum 9. Raum 9 schickt uns zu Raum 1 um die Stempel abzuholen. In Raum 1 gibt uns ein alter Mann drei Stempel aus seiner Kollektion, die er in Tüten und Schublade ungeordnet aufbewahrt. Morgen bekommen wir die Verwaltungsnummer, da der zuständige Beamte gerade zum Teetrinken war und uns natürlich nur er diese Nummer geben kann. Ordnung muss sein.
Ich weiß nicht ob bis jetzt irgendjemand diese Geschichte durchgelesen hat (und ich habe schon Zwischenschritte weggelassen). Wichtig sind mir zwei Punkte. Erstens ist es unglaublich was in diesem Büro für Zeit verschwendet wird. Mit ein wenig Ordnung und Struktur, könnte man mit einem Viertel der Mitarbeiter ein Achtel an Warteschlange haben.
Und der zweite, so unfassbare Punkt, dass er schon wieder witzig sein könnte. Es konnte natürlich kein Beamter mit dem wir zu tun hatten spanisch sprechen oder lesen. Niemand wusste, was er da für eine Kopie vor der Nase hatte. Es ging alles seinen ordentlichen bürokratischen Weg, ohne dass auch irgendjemand gewusst hat, was er da stempelt und beglaubigt.
Zum Bild:
Am Montag war ich mit Nuria und Stefanie (eine Entwicklungshelferin des DED) an einer Kunstkletterwand in Katmandu. Ich denke jetzt geht es wieder öfter an die Wand und hoffentlich auch an einen Berg.

18. Februar - The spell of shiva


Glueck im Leben Dieses Wochenende war sehr ereignisgeladen.
Am Wochenende hat in Pashupati (im Katmandu Valley) wieder das berühmte und alljährliche Shivaratri, zur Ehrung des Hindugottes Shiva, stattgefunden. Ich denke für jeden echten Hippie und nepal-/indienbegeisterten Kiffer ist der Besuch dieses Festivals zumindest einmal ein Muss.
Es waren schätzungsweise 200-300 tausend Leute anwesend, von denen die meisten gläubige Hindus waren, die sich ordentlich an den langen Schlangen angestellt haben um in die Tempel zu gelangen und zu beten. Uns war es nicht gestattet. Durch die aneinander gepressten Massen, sind gelegentlich und überraschenderweise Kühe und Stiere gerannt, sie haben den Besuch dort nicht langweiliger aber doch etwas gefährlicher gemacht.
Die Vielzahl von Sadhus, die Nachfolger des Schiva, saßen überall verteilt herum und haben das gemacht, was meiner Meinung nach ihre Lieblingsbeschäftigung ist: Ganja rauchen, auch als Marihuana bekannt. Ich weiss leider nicht viel über Shiva, aber ich glaube zwei seiner "Laster" waren Gras rauchen und die Frauen. Hört sich für mich erstmal nach einer recht interessanten Religion an. Wer wollte, konnte sich nun überall dazu setzen und kräftig mitquarzen.
Wer nicht raucht, der trinkt Ganja
Zudem wurde in einer ziemlich mystischen Zeremonie ein milchähnliches Getränk zubereitet, welches ordentlich strammmachende Substanzen enthielt. Das habe ich zu meinem Bedauern leider verpasst. Es gibt ja noch ein nächstes Jahr. Jeder der noch nicht genug hatte, konnte sich sehr billig, jedoch Unmengen an Gras mitnehmen.
Eigentlich wollte ich dieses Wochenende noch auf ein elektro-trance Festival (ich steh nicht unbedingt sehr drauf, aber wenn es schon mal ein Elektroevent in Nepal gibt), ich war aber zu geschlaucht und habe mich dann nur Samstagnachmittag auf ein Konzert der Band Ozomatli geschleppt. Scheint ganz gut bekannt zu sein. Sie spielten einen Mix aus so ziemlich allen Musikrichtungen. Erinnerte an eine Such a Surge- Beasty Boys Combo, die zu lange in Mittel- und Südamerika war. War OK.

13. Februar - Katmandu mon amour


Muell in Katmandu Die Zustände in Katmandu haben sich meiner Meinung nach nicht fühlbar geändert. Wenn sich jedoch immer und immer wieder die gleichen Bilder wiederholen, gewöhnt sich dass Auge schließlich daran und ein Ausnahmezustand wird zur Normalität.
Damit meine ich nicht unbedingt den aktuellen Konflikt in Nepal, sondern spreche von der Armut, die mir gestern mal wieder schmerzlich ins Auge gesprungen ist. Ich war am Rande der Innenstadt von Katmandu, an einer viel befahrenen Hauptsstrasse. An mir vorbei ist ein kleiner Junge, er mag vielleicht 2 Jahre alt gewesen sein, zu seiner Mutter gelaufen. Er war bis auf ein kleines, durch und durch schmutziges T-Shirt, nackt und auch total verdreckt. Sie hat auf dem Bürgersteig gesessen und gebettelt. Das alleine ist ein Bild, dass für mich traurigerweise nichts außergewöhnliches ist und in der Regel nicht sonderlich meine Aufmerksamkeit erregt. Es war eine kleine, grün leuchtende Traube in seiner Hand, die er gerade aus dem Müll gekramt hat, um sie seiner Mutter stolz zu präsentieren, die mich nachdenken ließ.
Einen kurzen Moment wollte ich ein Foto von dem Jungen machen, denn es war wirklich ein eindrucksvolles Bild. Ich schien mir jedoch so fern von dieser Realität zu sein, dass ich diesem Moment nicht das Recht hatte ein Bild zu machen und ich hätte mich höchstwahrscheinlich wie ein Tourist gefühlt, der Raritäten mit nach Hause bringt.
Natürlich ist es nicht möglich ständig über die extremen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten nachzudenken, denn aufgrund mangelnder Lösungen bzw. leider nicht umsetzbarer Lösungswege würde ich daran verzweifeln. Ich möchte nichts desto trotz, dass ich mir diesen Zuständen bewusst bin und dementsprechend handele. Besonders wenn ich daran denke, dass ich bald selber Vater werde.
Kurz noch zur aktuellen Situation: Tendenziell habe ich das Gefühl, dass sich die Lage entspannt und sich die unendlich langen Schlangen vor den Tankstellen langsam zurückbilden. Die Lage im Terai hat sich gebessert und ich erwarte unsere Rückkehr sehnsüchtig bis Ende nächster Woche. Worin der Konflikt bestand/besteht und um euch einen Überblick darüber zu verschaffen, was geschehen ist, könnt ihr euch auf dieser Seite von der Tagesschau einen kleinen Bericht ansehen und anhören

08. Februar – Daniels und mein Geburtstag


Auch wenn Daniel gerade nicht hier ist, möchte ich doch erwähnen, dass er heute mit mir Geburtstag hat. Alles Gute wünsche ich uns.
Ich habe meinen Tag bis jetzt damit verbracht, Papierkram zu erledigen und mir Militärparaden und vor Tankstellen wartende Motorräder anzussehen. Da Nuria sich noch immer etwas unwohl fühlt, werde ich den Abend jetzt nicht damit verbringen vorm Rechner zu sitzen, sondern mich um sie kümmern. Militärübungen Warten auf Benzin

07. Februar – ein Tag vorm Achten

Schlange zur Tanke
Ich kann nicht genau sagen woran es liegt, aber hier in Nepal habe ich außergewönlich oft eine Magenverstimmung. Die letzten zwei Tage lag ich mal wieder im Bett. Jetzt geht es mir aber schon wieder besser. Der eigentliche Grund kann eigentlich nur eine Tunfischpizza mit Knoblauch sein, die war jedoch so lecker, dass ich mir das nicht vorstellen will. Bei diesem Staffellauf des Krankseins habe ich meinen Stab heute anscheinend an Nuria weitergegeben.
Heute früh waren wir in der Stadt um einigen Papierkram zu erledigen. Dort habe ich auch dieses Bild aufgenommen. Die Autoschlange rechts steht an einer Tankstelle an und ist, man will es nicht glauben, ca. 4 Kilometer lang. Es gibt für jedes Auto nur 5 und Motorrad nur 2 Liter Benzin. Danach darf man sich wieder 8-12 Stunden anstellen. Es wäre schön zu sehen, wenn in Katmandu aufgrund des Benzinsmangels die Staus endlich mal nachlassen würden. Das wäre wirklich ein positiver Nebeneffekt. Vielleicht verliert die Luft auch wieder ihren Grauton und die Lungen trauen sich, ohne Krebsgefährdung, wieder tief durchzuatmen. Das möchte ich gerne erleben.
Wenn ihr Fehler auf meiner Seite entdeckt, bitte sagt mir bescheid. Es ist recht schwierig, ohne Internetverbindung zu Hause, die Seite ordentlich zu aktualisieren.
Daniel, ich hoffe du feierst heute schon mal gut rein, auch wenn die eigentliche Feier erst am Wochenende stattfindet. Ich fand es wunderbar, einige Geburtstage in der Vergangenheit mit dir gemeinsam feiern zu dürfen.

05. Februar – Abwarten in Katmandu

Flug nach Katmandu
Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, aber es war uns am 03.Februar tatsächlich möglich, ein Flugzeug nach Katmandu zu bekommen. Jetzt sind wir erstmal glücklich und entspannt im DED-Gästehaus. Für diesen neuen Konflikt in Nepal ist erstmal kein Ende abzusehen. Hier in Katmandu fehlt Benzin und irgendwann wird es auch hier unruhig. Sicher ist erstmal, dass wir innerhalb der nächsten Zeit nicht zurück nach Hause können, also nach Rajbiraj.

02. Februar – Evakuierung nach Biratnagar

Konvoi
Wie vorhergesehen sind wir zwar nicht am 01. Februar aus Rajbiraj abgereist, sondern heute. Die Monotonie (uns ging es zum Glück gut), die wir aufgrund unseres mangelnden Ausganges innerhalb der letzten zwei Wochen verspürt haben, wurde durch die Ereignisse des heutigen Tages kompensiert. Heute Morgen sind wir in der früh angerufen worden, es wurde uns mitgeteilt, dass uns ein UN-Konvoi nach Biratnagar bringt, um von dort aus ein Flugzeug nach Katmandu nehmen zu können.
Nach einem kleinen Fußmarsch zur Hauptstrasse, erwarteten uns dort vier UN-Fahrzeuge. Nachdem wir noch einige weitere Leute ( UN-Staff und Pahadis) abgeholt haben, ging die Reise nach Biratnagar los. Ich würde schätzen, die Distanz betrug ca. 80km. Die Fahrt hat allerdings etwas über vier Stunden gedauert.
Strassensperre
Wir haben in Rajbiraj kein Fernsehen und können das Radio nicht verstehen. Die einzigen Informationsquellen die uns zur Verfügung stehen ist das Internet (meist die Taz und El Pais) und Telefonberichte. Ich wusste zwar, dass die Landstrassen um Rajbiraj gesperrt waren, jedoch habe ich mir, bis ich es gesehen habe, kein Bild davon machen können. Auf unserer Fahrtstrecke wurden wir in kurzen Abtsänden von insgesamt ca. 20, zum Teil riesigen, auf der Strasse liegenden, Baumstämmen aufgehalten. Die komplette Versorgung durch Autos und LKW´s ist in diesem Gebiet komplett stillgelegt. Auf der gesamten Strecke habe ich, außer drei Ambulanzen, keine weiteren Fahrzeuge gesehen. Das muss enorme Auswirkung auf die Versorgung der Bevölkerung haben. Vom Personenverkehr ganz abgesehen. Presse
Es war für mich ein sehr seltsames Gefühl in einem motorisiertem Gefährt zu sitzen und auf allen Straßen alleine mit diesem Privileg zu sein. Die allgemeine Stimmung auf der Strasse habe ich als ruhig empfunden. Dies änderte sich jedoch kurz vor Biratnagar. Die Straßensperren nahmen zu und wir mussten in einer Traube von Menschen stoppen. Sie waren sehr aufgebracht und ich dachte einen Moment, dass sie uns nicht einfach passieren lassen wollen. Wir konnten aber ohne Probleme weiterfahren. Kurz darauf wurde uns von unserem Fahrer gesagt (der innerhalb des kurzen Stopps auch nervös wurde), dass in diesem Ort kurz zuvor fünf Menschen getötet wurden. Als Reaktion darauf (vielleicht was es jedoch auch der Auslöser), hat die Bevölkerung die Polzeiwache niedergebrannt. Einige hundert Meter weiter überquerten wir so etwas wie eine Front. curfew
Es wimmelte von Militär und die Autos wurden wie bunte Hunde von der Presse gefilmt und fotografiert. Wir hatten soeben einen kritischen Punkt überquert.
Biratnagar ist eine eher große Stadt. Ich bin noch nie in eine Stadt eingefahren, in der ein curfew verhängt wurde, und das am helllichten Tag. Ich empfand mich wie in einer Geisterstadt. Bis auf Polizei an den Straßenecken war wirklich fast niemand zu sehen, alles war geschlossen. Normalerweise wimmelt es in Biratnagar von Verkäufern und Rikschafahrern, diesmal jedoch nicht. Der Zustand ist jetzt seit drei Tagen in dieser Stadt so. Es ist kein Vergleich mit Rajbiraj, denn hier spürt man förmlich die Anspannung die in der Luft liegt.
Unsere Reise endet für heute in einem entspannten Hotel in Biratnagar. Morgen früh werden wir voraussichtlich von hieraus nach Katmandu fliegen. Ich wünsch uns eine gute Reise.