25. AprilSchlechtes Zeitmanagement?Es gibt hier jeden Tag ein interessantes oder seltsames Erlebnis, dass ich eigentlich ganz gerne Berichten würde. Jedoch fehlt mir die Zeit. Ja, mich selber überrascht es auch. Im Durchschnitt, eine Hausarbeit pro Woche in einer fremden Sprache schreiben, verschlingt bei mir so viel Zeit, dass das Ansehen, was ich Hausmüttern entgegen bringe, die den Haushalt schmeißen, sich um ihre Kinder kümmern und was weiß ich noch was für Verpflichtungen erfüllen, ständig steigt. Dies gilt natürlich auch für Hausmänner, die ähnliches leisten. Und ich stehe schon jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr in der Früh auf und der Tag ist trotzdem im Nu ist verflogen. Tja, wer kennt das nicht. Aber jetzt ist alles erledigt und ich habe Zeit für mich. Didaktische Methoden Ich vermute jeder Lehrer aus Deutschland würde die Hände über den Kopf zusammenschlagen, wenn er die Lehrmethoden an den nepalesischen Schulen sehen würde (ich danke da an dich Harun). Die Lehrer stehen vorne (natürlich Frontalunterricht) und die Schüler wiederholen unisono im Mantrastyle immer und immer wieder die gleichen, vorgekauten Sätze. Sprechen mich Schüler in Englisch auf der Strasse an, spüre ich, dass die Sätze nicht selber spontan konstruiert sind, sondern vorgefertigt abgespeichert sind. Ich spreche diese überalterten Lehrmethoden an, da ich letztens ein interessantes Erlebnis beim Karate hatte. Bis dahin hatte es mich immer sehr beeindruckt, wie gut schon die jüngeren Teilnehmer die Leitung des Aufwärmtrainings übernehmen konnten. Gut, es war in unserem Kurs immer das gleiche Schema und die gleichen Übungen, aber sie konnten sie, sogar ohne Hilfe des Gurus, gut selber vormachen. Letztens habe ich mir das Training der Jüngsten angesehen, und da hat es mich vom Hocker gehauen. Obwohl sie einen anderen Guru hatten, war ihr Aufwärmtraining 100% mit dem Unsrigen identisch. Und da ist mir erst aufgefallen, dass alles was erlernt wird nur Nachmachen und Auswendiglernen ist. Es machte für mich endlich Sinn, warum manche Dehnübungen viel zu schnell durchgezogen wurden. Denn es ging in erster Linie nicht darum, dass sich jeder individuell nach seinem Rhythmus dehnt, sondern die Übung zu machen, weil sie einfach dran ist. Mir kam das Nachplappern des Vaterunsers in den Sinn. Inhalte werden zwar perfekt auswendig gelernt, jedoch wird hier nicht der Inhalt auseinander genommen, analysiert und kritisiert. Gefäß auf, fertiges Wissen rein, Gefäß zu. Freies Denken wird unterdrückt. Das Wetter
Lina hat in ihrer letzen Sammelinfomail angesprochen, dass man ja,
obwohl es
nicht so wichtig erscheint, doch immer wieder übers Wetter
spricht. So tue
auch ich. Genauso wie ich vor meinem Aufenthalt in Nepal noch nie solch
einen
Durchfall hatte, habe ich auch noch nie ein derartiges, eigenwilliges
Wetter
gesehen. Es war in den letzen Tagen ständig schweineheiss, ich
denke man
kann es an der Kerze sehen. An den Abenden zog dann ein starker Wind
auf und
von einem auf den anderen Moment ist es so gewesen als ob irgendjemand
mit
einem wasserreinigenden Staubsauger übers Land zieht. Es
bleibt uns nicht
einmal Zeit, die Fenster rechtzeitig zu schließen. Der Regen
fällt
schlagartig und waagerecht. Natürlich haben wir in dieser Zeit
Stromausfall,
was dem Ganzen in der Dunkelheit noch einen besonderen Charakter
verleiht. Nach
ca. einer Stunde ist in der Regel alles vorbei und die Sterne zu sind
wieder
sehen. Ich denke es kündigt sich langsam aber mit Bestimmtheit
der Monsun
an. Auf den freue ich mich schon.14. April - Neujahr 2064
Ja, auch ich bin jedes Mal wieder aufs Neue überrascht; wir haben hier in Nepal einen anderen Kalender und heute ist der erste baishaakh 2064, also Neujahr. Allerdings habe ich etwas anders gefeiert, als ich es an Silvester bei uns normalerweise tue. Anstatt um 21:00 ins Bett zu gehen, bin ich bis um 23:00 aufgeblieben (also mit feiern hatte das nichts zu tun). Somit war ich heute Morgen dazu in der Lage um 5:30 aufzustehen und das Jahr gemeinsam mit den Mitgliedern des Sportvereins aus Rajbiraj beim traditionellen "Morgenjoggen" zu begrüßen. Alle hatten ihre spezifischen Trikots angezogen.
Und auch ich bin in weißer Karatekluft (habe ich mir extra für 3,5€ schneidern lassen) durch die Stadt gejoggt. Dabei wurde im Laufschritt und im Militärschreistil das Jahr begrüßt. Hätte ich nicht gewusst, dass wir der Sportclub waren, dann ich hätte ich uns glatt für eine militante Separatistengruppe gehalten. Anschließend gab es noch einige Vorführungen. Rechts unten ein Bild von einem Wushukämpfer. Heute habe ich endlich mit dem Sportverein abgesprochen, auf dem Vereinsgelände eine Miniramp aus Bambus zu konstruieren. Ich wollte erst eine kleine in meinem Garten bauen, aber so hat auch die interessierte Dorfjugend etwas davon. Wenn es soweit ist, dann
werde
ich die Bauphase mit Bildern auf meiner Page veröffentlichen.
Ich habe im
Internet bis jetzt leider noch nichts über eine Miniramp aus
Bambus
gefunden, wenn jemand etwas darüber findet, dann wäre
ich über
die Infos sehr dankbar. Ansonsten verlasse ich mich einfach auf mein
unglaubliches Konstruktionstalent.Hätte ich ein Bild von
meinem ersten
selbstgebauten Hochbett, dann würde ich es hier
veröffentlichen.
Hübsch-häßlich, billig und ich konnte
jahrlang gut drauf
schlafen. Mit der Minirampe wird es, bis aufs drauf Schlafen,
hoffentlich
genauso werden.
Happy New Year 10. April - Casino Anna
Dieses Wochenende war
ich nun wieder in Kathmandu. Diesmal nicht mit Gorkha sondern mit
Buddha Air
(ich dachte die 5 Sterne Deluxe haben einen Scherz gemacht, als sie in
einem
ihrer Lieder Buddha Air erwähnt haben; aber es gibt sie
wirklich). Der
Hauptgrund meiner Reise war die spanische Enzephalitis. Und da ich nun
schon
beim Arzt war, habe ich mir auch was gegen Thyphiles geben lassen.
Mein Gästehausmitbewohner Mark (hallo Mark!) hatte zum Freitagabend (nachdem ich nun einige Impfungen intus hatte) die blendende Idee gehabt, ins Casino zu gehen und ein bisschen Geld zu gewinnen. Vorher war ich zweimal im Casino und beides Mal war es grundverschieden. In Bad Harzburg war es sehr Schickimicki. Anzugpflicht, hoher Mindesteinsatz und ziemlich spießig. In Spanien, beim Wild Weekend (das Wild Weekend wurde in einem Konzertsaal veranstaltet, dass zu einem Casino gehörte), konnten wir am Themenabend (Hommage an Animal House) sogar mit Toga- Gewändern ins Casino gehen. Das war ein Anblick, mit Lorbeerkränzen und Sandalen am Roulettetisch. Aber es hatte doch wenigstens Stil. In Kathmandu war das Feeling anders. Als erstes hat mich der Name nicht wirklich überzeugt. Ich wäre tatsächlich lieber ins Casino Royal gegangen, was es hier auch gibt, für uns nur leider zu weit weg war.
Also haben wir jenes
ausgewählt, welches uns am nächsten lag, das Casino
Anna. Wenn es
nicht direkt am Annapurna Hotel gelegen hätte, dann
wäre ich von
einem Puticlub ausgegangen. Casino Anna, ich meine, das hört
sich an wie
Nachtclub Anna. Aber egal. Wir sind rein. Keine Ausweiskontrolle, kein
Anzugzwang. Wir habe ca. 10€ gewechselt und sind dann direkt
an den
Tisch. Die Spieler habe beim Rauchen auf den Tisch geascht und den
Stopruf:
"Rien ne va plus" (allerdings auf englisch) penetrant
überhört. Mich
persönlich hat das nicht gestört, aber wenn ich der
Chef in diesem
Laden gewesen wäre, dann hätte ich erstmal 50% der
Gäste
rausgeschmissen. Also etwas Anstand bitte. Zu meinem Glück lag
der
Mindesteinsatz bei umgerechnet 30 Cent (und nicht wie damals in Bad
Harzburg 5
Mark) und so konnten wir spielen, setzen, gewinnen und verlieren ohne
das es
uns weh tat. Ja gut, am Ende des Abends habe wir 20 €
verloren, aber wir
konnten wirklich lange spielen und ich feile schon an der richtigen
Taktik
fürs nächste Mal. Wenn ich schon nicht
internetsüchtig sein
will, dann doch vielleicht lieber die Spielsucht oder nicht? Aber dann
wenigstens mit Stil im Casino Royal.
03.April - Der Geist von Mr.Miyagi Trotz, oder gerade wegen der
immensen kulturellen, und damit einhergehenden, Differenzen kann ich
mir nicht
vorstellen, hier auf dem Land, ohne Computer und Internet zu sein. Vor
kurzem
habe ich ein Fernstudium, Human Resource Management, an der Universitat
Oberta
de Catalunya begonnen und bin damit noch mehr ans Netz gefesselt. Die
Chance,
mich verbinden zu können oder Strom zu haben, kann ich jedoch
genau so gut
vorhersagen wie das Wetter, manchmal geht es und manchmal nicht oder
manchmal
regnet es und manchmal nicht. Als ich irgendwann angefangen habe zu
zittern und
krampfverzerrt das Bewusstsein verloren habe, habe ich bemerkt, dass
ich
internetsüchtig bin. Der Arzt hat mir eine Medizin
verschrieben, aber
gegen den Schaum vorm Mund kann er nichts machen.
Um mehr Kontakt mit der Außenwelt zu haben, schneller Nepali zu lernen und nicht zu dick zu werden, mache ich es ab heute meinem großen Vorbild Danielson nach und werde bei dem Guru und Sensei (leider nicht Mr.Miyagi) aus Rajbiraj das Fegen lernen. Anhänger der alten und oft schlechten, jedoch ins Gedächtnis eingravierten Filme (bei mir gehören sogar peinliche Filme wie RoboCop dazu) werden wissen, dass ich von Karate Kid spreche. Der Meister scheint zwar nicht sehr froh zu sein, dass ich mich angemeldet habe, da wir uns sprachlich nicht verstehen und ich keine Ahnung von Karate habe, aber ich muss ich bewegen. Nuria ist ja zurzeit schwanger und es scheint so, dass die Muttergefühle immer ausgeprägter werden. Vor einigen Tagen ist uns ein kleines Hundewelpen (vielleicht zwei Wochen alt) auf der Hauptstrasse über den Weg gelaufen und sie musste es, als gute Mama, retten. Ich weiß, das hat nichts mit Muttergefühlen zu tun, jeder Mensch mit einem Herzen hätte es gerettet (die Mitbewohner Rajbirajs ausgenommen). Wir haben eigentlich gedacht das kleine Hündchen schafft es nicht, aber es sieht bis jetzt gut aus. Am Donnerstag fliege ich nach Kathmandu um mich gegen die japanische Enzephalitis (ich denke damit hätten einige tapfere Soldaten in Pearl Harbor gerettet werden können) zu impfen, vielleicht geht dann auch der Schaum wieder weg. |
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